Was „nicht-spezifisch" bedeutet und wie Sie die Volkskrankheit selbst in den Griff bekommen können
Bis zu 75 Prozent aller Erwachsenen leiden im Laufe ihres Lebens mindestens einmal unter Rückenschmerzen. Damit zählen sie zu den größten Gesundheitsproblemen in Deutschland. In den meisten Fällen wird der Rückenschmerz als Schmerz, Muskelverspannung oder Steifigkeitsgefühl zwischen dem untersten Rippenbogen und der Gesäßfalte mit oder ohne Ausstrahlung in die Beine beschrieben. Die unangenehmen Schmerzen und Funktionseinschränkungen schränken im Alltag ein und führen nicht selten zu einer Arbeitsunfähigkeit. Doch was ist der Auslöser für die Beschwerden und wie kann ich dagegen vorgehen?
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Spezifischer vs. nicht-spezifischer Rückenschmerz
Der Begriff „Rückenschmerzen” betrifft zahlreiche Beschwerdebilder des Rückens, von denen nur ein sehr kleiner Teil eindeutigen pathophysiologischen Ursachen zugeordnet werden kann. Lediglich 15 Prozent gelten als spezifische Rückenschmerzen. Die Diagnosen lauten in der Regel Bandscheibenvorfall (Prolaps), Spinalkanalstenose, Osteoporose, rheumatoide Arthritis, Wirbelkörperfraktur oder Tumor, bzw. Metastase. In diesen Fällen ist es wichtig unter ärztlicher Verordnung entsprechende Therapiemaßnahmen durchzuführen.
Mit 85 Prozent aller Rückenschmerzen gilt der weitaus größere Teil als nicht-spezifisch. D. h. es können mittels diagnostischer Verfahren keine krankhaften Veränderungen der Körperstrukturen gefunden werden. Die Ursachen lassen sich meist auf Funktionsstörungen im Bereich der Wirbelsäule zurückführen, wie ...
Segmentale Dysfunktionen, wie z. B. Blockierungen
Veränderte Wirbelsäulenstatik, z. B. eine Hyperlordose oder Steilstellung der LWS
Gestörte Muskelfunktion, wie Muskelverkürzungen oder Triggerpunkte
Bindegewebsveränderungen, wie z. B. verklebte Faszien
Iliosakralgelenk-Syndrom oder Facetten-Syndrom
Was verursacht unspezifischen Rückenschmerz?
Die Risikofaktoren für nicht-spezifische Rückenschmerzen sind vielfältig und bei vielen Menschen mit Beschwerden treffen mehrere Risikofaktoren aufeinander. Die wichtigsten sind:
Mangelnde Rumpfmuskulatur und / oder Beweglichkeit
Überlastung der Wirbelsäule durch Sport, Arbeit oder Übergewicht
Dauerhaft ungünstige Bewegungen, Fehlhaltungen oder einseitige Belastungen
Psychische Belastungen, z. B. durch Stress, Angst oder Depression
Jahrelanger unbewegter Lebensstil
Verletzungen in Vergangenheit
Ungesunde Ernährung, Rauchen und / oder Alkohol
Rückenschmerzen: Akut oder chronisch?
Üblicherweise wird anhand der Schmerzdauer der Rückenschmerz in akut, subakut oder chronisch klassifiziert. Dabei gelten Rückenschmerzen, die bis zu sechs Wochen andauern als akut, zwischen sechs und zwölf Wochen als subakut und darüber hinaus als chronisch. Jedoch ist der Übergang von akut zu chronisch oftmals schwer zu bestimmen. In der Therapie gilt als oberstes Ziel, die Chronifizierung des Schmerzes zu vermeiden. Dies betrifft allerdings nur rund zehn Prozent aller Fälle. Zumeist handelt es sich um akute Schmerzepisoden, die keine spezielle ärztliche Behandlung benötigen. Um ein Wiederauftreten zu vermeiden, sollten Sie jedoch einige Maßnahmen ergreifen (siehe unten: „Wie kann ich Rückenschmerzen vorbeugen”).
Was kann ich bei akuten Rückenschmerzen tun?
Versuchen Sie Bettruhe und Schonung zu vermeiden und aktiv zu bleiben
Sanfte Dehnung der Muskulatur
Lokale Wärme in der betroffenen Region durch Wärmepflaster, Wärmflaschen oder Kirschkernkissen
Sport- und Bewegungstherapie zur Kräftigung und Mobilisierung der Muskulatur
In ärztlicher Absprache kann in akuten Phasen eine medikamentöse Schmerztherapie zur Unterstützung der Beibehaltung, bzw. Wiederaufnahme täglicher Aktivitäten sinnvoll sein
Ggfs. können manuelle Therapie oder Akupunktur die akuten Schmerzen lindern
Wie kann ich (erneuten) Rückenschmerzen vorbeugen
Rückenschmerzen haben mit rund 50 Prozent eine hohe Rückfallquote und auch in einem Drittel der Fälle führen sie zu erneuter Arbeitsunfähigkeit. Daher ist es wichtig, dauerhaft etwas für die Rückengesundheit zu tun. Die Ursache der nicht-spezifischen Rückenschmerzen gilt als eine reversible Funktionsstörung. Mithilfe geeigneter Maßnahmen kann dieser gezielt entgegengewirkt wirken. Und auch, wenn Sie zu der glücklichen Minderheit gehören, die noch nie Rückenschmerzen hatten, sollten Sie diese Tipps beachten, damit Sie auch in Zukunft davon verschont bleiben:
Gezieltes und progressives Krafttraining: Insbesondere eine starke Rumpfmuskulatur ist wichtig für einen gesunden Rücken
Aber nicht nur die Kraft trainieren: Neben einer schwachen Muskulatur, kann auch eine geringe Mobilität Schmerzen verursachen
Verklebte Faszien durch gezielte Faszienmassage oder Übungen lösen: Diese gelten häufig als Verursacher von Funktionseinschränkungen und Schmerzen
Tägliche Bewegung: Ein unbewegter Alltag kann zu Verspannungen, Verkürzungen, Fehlfunktionen und Schmerzen führen
Nicht zu lange unverändert sitzen: Verändern Sie Ihre Sitzposition so oft wie möglich oder stehen Sie spätestens nach 30 Minuten kurz auf
Erlernen von Entspannungs- und Stressbewältigungstechniken: Stress und die Psyche gelten als ein wichtiger Auslöser von nicht-spezifischen Rückenschmerzen
Anpassung des Lebensstils (gesunde Ernährung, wenig Alkohol, ggfs. Rauchentwöhnung)
Literatur
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Koes, B. W., Van Tulder, M. W. & Thomas, S. (2006). Diagnosis and Treatment of Low Back Pain. British Medical Journal, 332. S. 1430–1434
Nationale VersorgungsLeitlinie (2017). Nicht-spezifischer Kreuzschmerz, Langfassung (2. Auflage). www.versorgungsleitlinien.de
Van Tulder, M., Becker, A., & Bekkering, T. (2006). European Guidelines for the Management of Acute Nonspecific Low Back Pain in Primary Care. European Spine Journal, 15. S. 169–191
Wagner, H., Puta, C. & Anders, C. (2008). Chronisch-unspezifischer Rückenschmerz – von der Funktionsmorphologie zur Prävention – Grundlagen und Schlussfolgerungen für Diagnostik und Therapie. In: Grieshaber, R., Stadeler, M. & Scholle, H. C. (Hrsg). Prävention von arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren und Erkrankungen. Jena: Dr. Bussert & Stadeler
Bildquelle: www.unsplash.com
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